Soldaten des LARD – Les Maîtres du PAN-THAU-RA“ (PR 894+895)

Der Übersetzer der Edition originale Pocket Perry Rhodan n° 304, „Les Maîtres du Pan-Thau-ra“ (ISBN 978-2-266-24025-3), war Yann Cadoret. Das Taschenbuch erschien 2013. Es war das vierte französische PR-Taschenbuch, das ich durchgearbeitet habe, und ich musste damals sehr viele Vokabeln erschließen. Ich war gerade schnell genug geworden, um mich ein wenig vom absatzweisen Lesen (erst Deutsch, dann Französisch) lösen und mir den Übersetzungsvorgang mal ein bisschen grundlegender anzuschauen. Die Reihenfolge der Anmerkungen habe ich nicht nachbearbeitet. Vielleicht nutzen sie trotzdem jemandem. Ich habe einfach versucht, die Wörter zu gruppieren und zueinander in Bezug zu setzen, was Wortfelder und Motivgruppen angeht.

Auf dieser grundlegenden Ebene entstand ein grober Vergleich von PR 894f mit der französischen Übersetzung SOLDATS DE LYRD et LES MAÎTRES DU VAISSEAU-SPORES im tome 304, „Les Maîtres du Pan-Thau-Ra“. Beide Romane findet man im Silberband 105, beide sind von William Voltz: „Soldaten des LARD“ (PR 894) erschien am 10.10.1978 und „Herren der PAN-THAU-RA“ am 17.10.1978.

Das Nachschlagen einzelner Vokabeln aus dem Textverlauf erwies sich als fast unmöglich, weil die Sinnneinheiten gerade im Bereich genretypischer Neologismen wortübergreifend nachgebildet wurden, aber andererseits wurden grammatische Eigenheiten recht exakt beibehalten und vorhandene Stilmittel mit anderem Wortmaterial nachgebildet.

Einige repräsentative Beispiele von den ersten Seiten:
Die „Blasse Grenze“ ist „la Frontière Blême“ – Anlaut des Adjektivs und Großschreibung wurden beibehalten.
Der Terraner: le Terrien – dieses Leitwort wurde aus der Mitte des zweiten Satzes genommen und in die dominante Position zu Beginn des zweiten, durch einen Absatz zusätzlich betonten zweiten Satzes gestellt. Hierzu hat der Übersetzer die Art der Bewegungen ausgetauscht, die Personifikation ist vom Schlaf auf die Waffe übergegangen: „Ein Flüstern schreckte Perry Rhodan auf. Obwohl noch halb im Schlaf gefangen, reagierte der Terraner mit der ihm eigenen Schnelligkeit und rollte sich auf die Seite. Schwer lag der PT-Tucker in seiner Armbeuge. (SB S.5) versus: „Un murmure troubla Perry Rhodan dans son demi-sommeil. Le Terrien réagit avec sa promptitude habituelle et roula sur la côté. Son mouvement fut gêné par le lourd pistolet PTR coincé sous son bras.“ (p.21)

Es gibt viele ähnliche Änderungen, z.B. wurde „Das hügelige Gelände erstickte im Dunst. Der Blick reichte nicht allzu weit, und wo sich vage Bewegung abzeichnete, waren es die eigenen, als Suskohnen maskierten Leute. Sie brannten darauf…“ (SB S.5) zu „Les collines étaient plongées dans la brume […] Il n’était pas possible de voir très loin et, la où la vue se degagait, on n’apercevait que des Terraniens qui se faisaient passer pour des Suskohnes. Ils étaient impatients…“ (p.22). Das bedrückende „im Dunst ersticken“ wird zu „in den Dunst gefallen sein“. Der personifizierte Blick ist durch ein sachliches „es war nicht möglich“ ersetzt, und kommt dann in einem zweiten Anlauf durch das poetischere „die Sicht verlor sich“, um das wieder sehr faktische „man nahm nicht wahr als“ aufzuwiegen. Aus den „als Suskohnen maskierten Leuten“ werden „die Terraner, sie sich so zurechtgemacht haben, dass sie als Suskohnen durchgehen – eine viel dynamischere Variante. Dafür „brennen“ sie nicht mehr, sondern sind „ungeduldig“. So entsteht innerhalb des melodischen französischen Sprachflusses ein neu aufgebautes Bedeutungsgefüge in exakter Analogie zum Original, dessen sprachliche Schönheit im Vergleich auch bewusster erlebt werden kann.

Auffällig die Nachpräzisierung der technischen Begriffe im Vergleich zum Silberbandtext, auf den sich die Übersetzung stützt: Der PT-Tucker heißt „le pistolet PTR“ – es ist die von den Soldaten des Lard ausgegebene, hyperraumtaugliche Waffe „qui tiraient des balles explosives. PTR était bien sûr un sigle pour Pan-Thau-Rau“. Wegen des Krachs haben Spaßvögel ihr den Spitznamen „PéTeuR“ verpasst. (p.21) – bisher konnte ich keine deutsche Textversion finden, die dies enthält, also halte ich es für neu. Schutzanzüge sind „des tenues de protection“, und auch hier fällt die Nachpräzisierung der Begrifflichkeit auf: „im Hyperraum“ wird zu den „in den im Hyperraumbereichbereich liegenden Teilen des Schiffes“: Die eigens für den Aufenthalt im Hyperraumbereich konstruierten Schutzanzüge: „des tenues de protection  dont le fonctionnement était adapté à la partie du vaisseau qui séjournait dans l’hyperespace“ (P.21)

„Der Asogene, das sackförmige Wesen“ ist „l’asogène, l’être en form d’outre“. Er spricht knarrend und verächtlich schnarrend: Il parle „d’une voix grinçante“ (p. 23) et „dans un bruit de crécelle et sur un ton méprisant“ (p.24): im Französischen haben wir bei der Übersetzung von Adverbien viel mehr Wortmaterial: Partikel, Konjunktionen und zusätzliche Nomen. Der watschelnde Gang des Asogenen wird auf Französisch beschrieben mit „Mikoy s’éloigna en se dandiant“ (p.26) von „se dandiner“ – das Wort erinnert mich an das Englische dandelion, der heißt auf Französisch aber „pissenlit“, was unsereins dann eher an Bettnässen erinnert als an Löwenzahn. Ganz verschiedene Assoziationsgefüge.

Der Fährotbrager ist le fahrotbrag“. In der Diskussion um die Mitnahme des sperrigen Gefährts (SB S.6) wurden die vielen Verneinungen adäquat übernommen, sie unterstützen des Fremdartige, Andersartige, Unvorstellbare des Ziels, das eben nicht definiert ist, und den Weisungscharakter des Unternehmens, zu dem es keine Alternative gibt: „Si nous voyageons avec ça, notre liberté de manoevre sera limitée dès le début, objecta Rhodan. Nous ne serons en mesure d’emprunter que les coloirs larges […] Il n’ya que quelques secteurs qui ne correspondent […] Ce point ne souffre aucune discussion“ (p.24).

International hingegen jener archetypische Wortwechsel zwischen Rhoden und Atlan, die wohl einen der wichtigsten Werte der Serie ausdrücken: Die beharrliche Ermutigung zur Eigeninitiative angesichts organisierter, übermächtiger Gegner, die herrschen wollen: <- En quoi est-on censé croire pour prendre un tel risque, commandant Danair? demanda Atlan à voix basse. – En soi-même, répondit le Terrien. Seulement en soi-même“ (p.26)>. Auf Deutsch:  „,Woran muss man eigentlich glauben, um ein solches Wagnis einzugehen, Kommandant Danair‘, fragte Atlan gedämpft. ,An sich selbst‘, antwortete der Terraner. ,Nur an sich selbst.’“ (SB S.8)

Atlan hatte rumgespottet über unglaubliche Geschichten, durch Hörensagen aufgebläht, doch diese entpuppen sich als wahr. Dies bereitet, nach dem Auftauchen des Ritters, die Begegnung mit seinem Orbiter vor. Atlan spottet auch, dass der Aufgefundene Perry für seinen neuen Ritter hielte. In der Übersetzung fällt sein colloquialer Sprachstil, z.B. „ce gars“- „dieser Bursche“ , besonders auf.

In der Folge entwickeln sich zwei Parallelgeschichten um einsame Wesen, die den alten und den kommenden Ritter umkreisen – Orbiter Zorg und Alaska Saedelaere. Als Übergang kommt das beim Französischen „Seulement en soi-même“ klarer raus als im Original. Während Rhodan und Atlan sich uneingeschüchtert auf den Weg machen, sind diese beiden mit den Folgen der Vergangenheit und ihrer Einsamkeit allein, jedoch überschneiden sich ihre Wege mit denen der Hauptgruppe. Deren Mitglieder tragen übrigens einen „vortex hexadim“(p.29), eine „Multitraf-Spirale“ und ein „pistolet PTR“.

Alaska leidet an unerträglichen Schmerzen durch sein Cappinfragment, das einerseits die Wurzeln immer weiter in sein Gesicht treibt, dies eventuell schon völlig zersetzt hat, andererseits aber abzusterben scheint. Cappinfragment heißt „le fragment cappin“ (p.27), „l’incrustation“ (p.27) oder „l’inclusion“ (p.45). Alaska muss alle Gefährten wegschicken, weil sie den Anblick des Fragments nicht ertragen könnten, um im überall herumliegenden Schutt ein spiegelndes Metallstück zu suchen, in dem er sich sehen kann – und eben nicht sehen, weil das zuckende Ding „wie kalter Teig“ in seinem Gesicht klebt – „elle lui donnait la sensation d’une pâte froide“ (p.28). Seine Wurzeln graben sich in Alaskas Gesicht. Diese Vergleiche aus dem Alltagsleben und der Natur erden. Das sterbende Ding sieht aus wie erkaltete Lava: „Ses mouvements d’ordinaire fluides étaient presque figés, un peu comme de la lave refroidie“. Die Farbexplosionen sind erloschen und es wirkt wie eine graue Kruste, „une croûte grise“ (p.45). Die beiden letzteren Zitate leiten nach dem ersten Einschub über Orbiter Zorg wieder zu Alaska über. Übrigens, „énergie vitale“ (p.45) heißt bei Voltz noch „Lebenskraft“ und nicht „Vitalenergie“. Ich mag das.

Als Alaska tote Malgonen, „des Malgoniens morts“, findet, kann er sofort erkennen, dass diese nicht mit Rhodans Gruppe zusammenstießen, sondern mit Robotern des Lyrd, weil Rhodan immer den Befehl gibt, die Feinde zu verschonen: „car Perry Rhodan avait, lui, passé la consigne de ménager l’ennemi“(p.30). Er geht dann aber nicht den von Rhodan gekennzeichneten Weg, sondern einen „Nebenweg“ – „un passage latéral“ (p. 46). Er ist nun mal ein Einzelgänger.

Als Gegenstück zu Zorgs Androiden hat Alaska den ehemals aphilischen Roboter Augustus, der ihm helfen will und den Versuch unternimmt, dass Fragment auf sich zu übertragen. Wie der Ritter hat er auf wenig nachvollziehbare Weise Zugang zu höherem, hier: der Orientierung dienendem Wissen, findet einen Transmitter und rettet Alaska, wenngleich anders als geplant.

Auch bei Zorg finden wir verzweigte Explosionen, Einsamkeit,Tod und grundlegende Abscheu gegen Gewalt. Im Französischen heißt er indessen Orbital Zorg. Und sein gewölbter Rückenpanzer ist ein „carapace bombée“, die moosgrünen, einander überlappenden Bauchschuppen werden beschrieben als „son ventre était recouvert d’écailles qui se chevauchaient, de couleur vert mousse“ (p.38). Zu Beginn seines Auftritts versteckt er sich hinter einem Stück Metallverkleidung vor Rhodans Gruppe, während Alaska umherirrt und sich mit seinem Stück Plastik beschäftigt, dass stets sein Gesicht verdecken muss.

Nun beginnen Zorgs Erinnerungen an die vom Glauben an Frieden und innere Ordnung getragene Welt der Voghen, deren Welt er nicht mehr findet, also nicht heimkehren kann, und an seine hingebungsvolle Unterstützung für den Ritter der Tiefe, den „Chevalier d’Abîme“. Nicht zählt mehr für ihn als der Klang seiner Stimme und seine angesichts der Flut der Barbarei vergebliche Tätigkeit, der er jedoch mit der Effizienz derer, die nach ihm kommen werden, Sinn verleiht. Hingabe ist das Stichwort.
Nichtsdestotrotz wirft der weiße, elastische Androide, der den Kontakt zu Zorg hält, während der Ritter meditiert und unerklärliches Wissen empfängt, Zorg genau dies vor: Die Verbindung der beiden entwickle sich zu langsam, er sei nur technisch gut, aber nicht innerlich. Dieser Dialog gefällt mir, die typisch Voltz’sche Aufopferung des guten, kleinen Mannes für die das Gemeinwohl und die bürokratischen Vertreter der nichtsdestotrotz gültigen höheren Ordnung, denen das Einzelschicksal egal ist, die den Einzelnen nicht sehen: <– Allons, ai-je seulement une fois commit und erreur? demanda Zorg, contrecarié. – Certes non. Technicalement, tu es le meilleur de tous les Orbitaux qui l’ont accompagné. – Techniquement? répéta le Voghe, enervé car il avait décelé la critique sous-jacente. – Qu’insinues-tu? – Les liens profonds entre le Chevalier et toi se développent trop lentement. – Je l’admire! – Crois-tu que cela soit suffisant? Ce n’est que lorsque tes pensées et tes sentiments ne ferons plus qu’un avec les siens que tu seras un vrai Orbital“> (p.35): Der Androide weist ihn, der voll und ganz für den Frieden und den Ritter lebt, auf seine mangelnde Selbstaufgabe hin.

Als nächstes erklärt er ihm, dass ein in Gefangenschaft geratener Orbiter sich töten muss, woraufhin Zorg ihm Eifersucht unterstellt und dass er sich diesen Befehl ausgedacht hat, weil er den Prinzipien des Ritterordens, Leben zu erhalten, widerspricht. Das mag ich, weil einsehbare Prinzipien Gefolgschaft von Kadavergehorsam unterscheiden. Der Androide hat denn auch später einen interessanten Abgang. Er weiß Bescheid, informiert Zorg von ober herab über das Nötigste, gießt noch einen Schwung Verachtung über ihn aus – nie würde er einem wie ihm folgen – und löst sich auf. Der aufrechte Orbiter bleibt, unfreiwilligerweise. Damit kann man sich identifizieren.

Als nächsten Schritt erhält Zorg direkten Kontakt zum Ritter, dessen Idealismus an der Kräften von Gier, Kommerz und Entpersönlichung zu scheitern drohen: Die „räuberischen Bilkoten“ – „les bilkots, des pilllards“ (p.36) haben den Giroden, die das überlegene Wissen der weisen Dohuuns nur zu minderwertigen Zwecken wie Macht und Materiellem verwendeten: „Ceux-ci n’étaient toutfois pas en mesure de recevoir une telle science, trop incommensurable. Ils utilisèrent ce savoir afin d’aquérir des biens matériels et de la puissance“ (p.36). In der Folge habe sie Nachbarvölker wie die Bilkoten auf sich aufmerksam gemacht, und verloren alles.

Ihre Energiemedusen entstehen durch die Manipulation von Schnittpunkten kosmischer Energie, und da sie aus der Ferne zuschlagen, sind sie gesichtslose Feinde wie in der echten modernen Kriegsführung. Zorg hasst das, „il détestait devoir se battre contre des adversaires qui leur demeuraient anonymes“ (p.37). Beim Vergleich mit dem deutschen Text fand ich interessant, dass hier der Begriff „Feindbild“ im positiv-neutralen Sinne verwendet wird, einfach als Bild vom Feind. Die Lichtzelle heißt „la nef photomorphique“ (p.42), die Medusen, die sich parallel zu den Wurzeln des Cappinfragments wie Äste verzweigen, und wie dieses leuchten, entstehen aus dem Nichts – „de nulle part“ (p.40) und durch „kosmische Kraftlinien“ – auf Französisch präzisiert zu „les courants d’énergie d’univers lui-même qui étaient surchauffés“ (p.42) – „surchaffées“ heißt „aufgeheizt“. Wieder ein bisschen wie in der Küche, und zugleich kosmisch, das Voltztypische Aufbrechen des Raums, das eine höhere Wirklichkeit preisgibt.

So, nun bin ich schon ein Stück weit im zweiten Teil des Doppelromans. (bis p.107). Mit dem zweiten Chapitre ab page 45 sind wir wieder bei Alaska Saedelaere, der in selbst gewählter, zwangsläufiger Einsamkeit sein vom Cappinfragment verborgenes Gesicht betrachtet. Dabei trifft er auf eine Ebenbild von Douc Langour, dem Forscher der Kaiserin von Therm, und erkennt, dass dieser sich als Biophore-Wesen erkannt hat. Alaska beschließt, darüber zu schweigen.

Das Verborgene ist ein Kompositionsprinzip des Doppelromans: das geheimnisvolle Schaltinstrument -“le dispositif“, „l’élément de contrôle“ – liegt im raupenförmigen Fährotbrager verborgen, die Terraner verbergen sich in der Maske von Suskohnen, Zorg verbirgt sich unter der Verkleidung der Maschine, die Malgonen verbergen sich im Gebüsch (SB S.70; p.106), die Terraner fühlen sich beobachtet und werden in Fallen gelockt, die Ansken beobachten sie und ihr Anführer macht verborgene Pläne zur Machtsicherung. Der Roboter will dem Transmittergeschädigten das Tragen von Fragment und Maske abnehmen, weil beides ihm nichts ausmacht, aber Alaska wirft Augustus vor, bei seiner geheimnisvollen Orientierung eine „Phantomime“ (SB S.59/ p.93) aufzuführen: Er spiele Mensch und sei Maschine.

Ein zweites Mittel der Textbindung sind die Gesichter: Das dumme und „unfertig wirkende“ (SB S.70) – „stupide et immature“ (p.106) der Malgonen, das ungeformte des Asogenen, das eventuell schon völlig zersetzte von Alaska, der sich an sein Aussehen nicht erinnern kann, als er zu Ende des ersten Teils (SB S. 95) an die Transmitterheilung hofft (die, nebenbei besagt, schon bei Koßjarta nicht funktioniert hatte): „Et moi, je retrouverai mon visage. Il y a si longtemps que je n’ai pas vu que j’ai oublié à quoi il ressemble“ (p.95). Dann sind da der Raum und das Nichts, das Innere – „le soin“ – und das Glühende, Leuchtende versus das Graue, Tote.

Plondfair träumt, wird darauf angesprochen, und dann treffen sie Orbiter Zorg. Korter Damm verliert wegen Träumerei am Arbeitsplatz eben diesen, flieht und findet das uralte Labor mit Hinweisen zur Quantenmanipulation an Ansken – der Leser ist schon weiter und weiß, dass das ursprüngliche Matriarchat dieses Insektenvolkes durch die Manipulation aufgehoben wurde. Mit einem männlichen Anführer sind die Ansken bösartig und machtversessen. Das könnte glatt von Christa Wolf stammen und die von praktischen Erfahrungen ungetrübte Träumerei der Frauenbewegung entstammen: statt der überkommenen stereotypen Idealisierung der Frau in der Gesellschaft gab es damals die Idee, mit Frauen an der Macht gäbe es keine Kriege und alles werde gut.

Wie die Ansken in vom Intellekt kontrollierter Weise, neigen die minderwertigen, ohne Sachkenntnis zusammengebastelten Biophorengeschöpfe zu ungehemmter Aggressivität. Wer Leben erschafft, muss kompetent genug dazu sein. Die Superintelligenzen und Kosmokraten werden in diesem Bereich durchaus problematisiert, sie sind, um den christlichen Ausdruck zu verwenden, nicht Gott, sondern etwas dem Höchsten untergeordnetes, was die Frage nach ihrer Legitimation berechtigt.

Im Abschnitt um Korter Bell (SB S. 39f; p.67ff) fällt mir der Umgang des Übersetzers mit Adjektiven auf. Die zu den Lebewesen gehörigen Adjektive werden in mehreren Fällen weggelassen, die Maschinen beschreibenden erweitert, ebenso wie deren sonstige Attribute. So fehlen bei Korter Bell die „kopfgroßen“ Gelenke und die „gepanzerte“ Nasenöffnung (vgl. p.69f), dann seine scheinbar „gnädige“ Art zu befehlen und dass er sich „bequem“ zurücklehnt (p.72). Balduins „grimmiger Blick in die Runde“ (p.75) fehlt ganz. Ein Pendant zu Alaskas „hager“ kann ich auch nicht finden.

Umgekehrt ist, wie gesagt, die Technik präzisiert, und Alaskas Aufforderung, Augustus könne gehen, wird viel beredter: aus „sagte“ wird „lança“, aus „Du kannst gehen“ wird „Ne te gêne pas pour aller le rejoindre“ (P.91), also eher „Tu dir keinen Zwang an, geh nur zu ihm, warf er ihm an den Kopf“. Dieses Temperament entfaltet sich an Maschinen.

Ebenso beginnt hier eine sich über drei Dutzend Seiten ziehende Kette von Konjunktiven, die im Deutschen zum Teil im Präteritum stehen, auch wenn sinngemäß der Konjunktiv, die Eventualität oder das Vermutete, gemeint ist. Entweder Bearbeiter Haensel oder Voltz selbst zogen die eingängigere Präteritumsform vor, um dem Leser entgegenzukommen.

Hierarchien – Korter Bell, der „Außerordentliche Kräftebeharrer und Mechanist“, ist hier „le Curateur Extraordinaire et Maître des Ressources Technostratégiques“ (p.67), was schon deutlich größer klingt. Die Charakterisierung dieses kalten, aber klugen und kompromisslos konsequenten Machtansken beeindruckt mich, weil sie Grundsätze des Machterwerbs aufzeigt und mir kühles Planen immer fremd ist – und das Fremde fasziniert.
Die Faszination ist ein Schlüsselbegriff bei der Vermenschlichung des Ka-zwo Augustus, in dem genialen kleinen Dialog zur „positronischen Faszination“ (SB S. 56). Der Roboter drückt sich so gewählt aus wie ein Butler, wenn er Alaska sagt, sein Schicksal entbehre nicht einer gewissen Faszination. Seine Antwort auf die Gegenfrage, ob er denn fasziniert sein könne, ist in der Übersetzung umformuliert, ich wüsste schon gern, ob „fascination positronique“ auf Französisch natürlich klingt. Augustus erwidert präzise: „“Le terme ne paraît guère approprié pour un cerveau positronique, mais c’est ce qui se rapproche le plus de mon état d’esprit“ (p.89). Geisteszustand eines Roboters?

Das Schrullige, Exzentrische des Roboters kommt zwar ex negativo in der Übersetzung von Alaskas mangelndem Sinn für Humor in der Situation – „il trouvait (la conduite d’Auguste) tout sauf drôle“ (p.89) wieder, jedoch klingt er hier ein wenig zielstrebiger als im Deutschen. Auch wenn die semantischen Elemente sehr präzise abgebildet wurden. Der Ka.zwo „neigte den Kopf zur Seite […] wenn er angeblich mit dem längst zerstörten Zentralrechner Verbindung aufgenommen hatte“ (SB S. 58), das klingt ein klein wenig verträumter und verlorener als das aktivere „il prétendait communiquer avec son <élément de contrôle> alors que la centrale correspondante n’existait plus depuis longtemps“ (p.91). Das liegt aber, denke ich, am Französischen selber, in dem die Zielstrebigkeit des „C-2“ klarer herauskommt, der Bescheid weiß und konsequent vorgeht, so emotional und exzentrisch er auch redet. Er ist eine Maschine mit einem Ziel. Das tut der Dynamik der Handlung gut.

Wie gesagt, die Lebewesen haben im Gegenzug paar Eigenschaftswörter weniger. In einem Fall ist Alaskas Charakterisierung direkt zum Aktiven hin verschoben: Der „Transmittergeschädigte reagierte erleichtert darauf, dass er nur wieder ein Ziel vor Augen hatte. Er hatte sich noch nie freiwillig in sein Schicksal ergeben“ (SB S.59). Hier ist ein dauerhafter, charakterbedingter Zustand gezeichnet, während in der Übersetzung die Dynamik des Moments stärker herauskommt: Es handelt sich um diesen, genau diesen entscheidenden Moment in seinem Leben, in dem es um alles geht, in der Saedelaere wieder etwas für sich selber will: „ „Pour la première fois depuis longtemps, Saedelaere avait un objectif personnel. Il reprenait l’initiative sur son destin“ (p.93). Sehr schön sein Dialog mit Augustus über die Chancenlosigkeit des Unternehmens: < – „Quelles sont les chances de succès? – Je préfère ne pas vous répondre. – Pratiquement nulles? – Un peu supérieures. Saedelaere hocha la tête. – Alors, allons-y.“> (p.93)

Einige Wörter, die mir auffielen: „Energieflaschen“ (S.43) – d’ètuis énertiques (p.73). Die Roboter sind zu „stur“ – les robots sont trop têtus“ (p.100). Skrupellosigkeit – „la cruauté“ (p.101) zu engl „cruelty“ – „Grausamkeit“.

Der letzte Teil des Romans von S.112 bis S. 174 schildert die Odyssee in der PAN-THAU-RA führt durch sagenhaft viele Korridore, sie heißen „les voies“, les puits“, „les couloirs“, als Abzweigungen „les voies laterals“, das Deck heißt „le pont“. Der Aufbau des riesigen Sporenschiffes als riesiger Würfel, in Decks unterteilt, mit sechs schüsselförmigen Abteilungen drumherum wundert mich: so was wäre eher praktisch, wenn man den Kasten landen und die künstliche Schwerkraft abschalten will, aber das ist bei der Größe kaum möglich. Kugelraumschiffe sind „croiseurs sphériques“ Der gigantische Würfel ist unterteilt in unzählige Decks, Korridore und Säle: „l’intérieur du navire comprenait une gigantesque cube divisé en d’innombrables ponts, couloirs et salles“ (p.113). So gibt es acht Ecken und sechs Halbschalen: „Les huit sommets jouxtaient l’enveloppe extérieure du Pan-Thau-Ra, de sorte que le rest du volume se partageait en six calottes sphériques“ (p.113). Eine der Schalen ist nötig, um Quostoht unterzubringen, der Rest ist in Decks unterteilt: „Ces espaces étaient également découpés en ponds, a l’exception du secteur de Quostoht.“ (p.113)

„First Impression“ heißt „l’Èrebe“ (p.115).

Ein Schauplatzwechsel, und weiter geht es mit dem Overkill männlichen Interesses an Demeter. Die Konkurrenten Hamiller und Borl können sich nicht einmal verbünden, als ihnen klar ist, dass sie gegen Danton keine Chance haben. Payne ist „linkisch und verlegen“ :„maladroit et gêné“ (p.123), Borls „Dschungel-Charme“ (SB S.83) ist der „vorte charme de barodeur“ (p.125) und Demeter ist weiblich unsportlich, geht nur aus Geselligkeit ins Schwimmbad. Die normalen Leute um sie herum können die Versessenheit der drei Betroffenen nicht verstehen.

Die Galaktische-Völkerwürde-Koalition heißt „la Coalition pour la Dignité des Peuples“ (p.126) und der Oberster Terranischer Rat ist „Conseiller Supérieur“ (p.127).

Weiter geht es im Abwehrkampf der Ansken: der von den Bösen verwendete Begriff „Erzfeind“ wurde nicht übernommen. Die Reste des Matriarchats werden beibehalten, weibliche Ansken übernehmen die Verteidigung der Zentrale statt der unerfahrenen Jugendlichen. Eine Frau ist auch die einzige, die ein wenig Kritik formuliert (vgl. p.130f). Ein interessanter Einblick in Machtkämpfe – „des luttes de pouvoir“ (p.133). Der unerwünschte Ausbrecher wird als Verrückter abgetan, „“un fou“ – allerdings warnt einer vor Stimmen aus der Vergangenheit, die Damm eventuell hören könne: „Chacun de nous sait qu’il existe des choses que nous ne pouvons pas expliquer et qui nous troublent. Souvenons-nous de cette voix qui semble quelquefois nous appeler de très loin.“ (p.133). Der machthungrige Korter Bell tut dies als Produkt der Einbildung ab, jedoch hört auch Augustus etwas. Und Ganerc – hierzu später. Der Machtkampf wird weitergeführt, als der Scharfschütze ebenfalls versucht, sein eigenes Süppchen zu kochen.

Orbiter Zorg denkt über die vorgeblichen Suskohnen und ihre Werte nach und offenbart dabei tiefe Einsicht. Die Terraner werden immer mehr mit dem Tross des Ritters der Tiefe gleichgesetzt: „elles semblaient avoir des notions de la justice et de l’ordre proche des valeurs de Igsorian de Veylt“ (p.138).

Als der Fährotbrager die Zentrale erreicht, werden die Terraner rüde entlassen und mitten im Kampf zurückgeschickt, was kein gutes Licht auf den Lyrd wirft. Auch Ganerc folgte früher dem Ruf – „l’Appel“, und auch er wird einfach fallengelassen, wenn man ihn nicht mehr braucht. Voltz‘ kosmische Mächte sind gleichgültige Bürokraten, bei denen der Einzelne nichts zählt, wenn er nicht mehr verwendbar ist. So verliert Ganerc den Zugang zu seiner Kosmischen Burg – „sa Citadel Cosmique“ (p.171), als er verbotenerweise eine uralte Roboterabsicherung aktiviert: „Il avait èté vaincu. Battu par une antique système de sécurité automatique“ (p.174).

Somit kommen wir zum Setting, denn Ganercs folgendes Abenteuer spielt sich an einem aufwändig gestalteten Ort ab: die genannte automatische Sicherung bewacht auf dem Bruchstück der zerstörten Ebene Behälter – „les caissons“, „les récipients“ (p.167), die dunkelgrün sind, „vert foncée“ (p.167). Zur Farbsymbolik bei Voltz vgl. meinen Artikel „Auf der Siuche nach dem verlorenen Selbst“ in der SOL 75 und auf diesem Blog. Das Grüne, der Dschungel ist der Ort des Übergangs. Die Ebene heißt „le plenum“, es ist „le station spatiale qui servait de point de rencontre entre les Puissants“(p.147). Ganerc sucht sie, um Informationen über die Lage der Materiequelle zu finden – auf Französisch sind es übrigens mehrere, „des sources de matière“ (p.170).

Anstelle der zerstörten Ebene findet Ganerc eine riesige Baustelle, „un immense chantier“ (p.151) mit einem interessanten Raumschiff in der Mitte, gesteuert von einem lebendigen Schwamm im Kugelglas, Skrinus, der die Robots kontrolliert und seine Chefs nicht kennt: Sein Nachfolger sozusagen. Er wurde eventuell extra für diesen Auftrag gezüchtet, „il se demanda si cette éponge surdimensionée n’avait pas été conçue spécialement por la tâche qui lui été attribuée“ (p.164): Ganerc war genauso ausführendes Werkzeug wie er. Was die Frage nach seiner Herkunft aufwirft. Zum Beispiel im Kontext von Bardiocs seltsamer Gehirnentwicklung.

Das ringförmige Raumschiff, „le grand vaisseau du forme annulaire“, hat einen „coque torique qui mesurait cing cent mètres de diamètre“, also einen ringförmigen Rumpf von fünfhundert Meter im Durchmesser. „Torique“ und „annulaire“ sind Synomyme. „En son centre se dressait un moyeau cylindrique“, eine zylindrische Radnabe, „d’und centaine de mètres de long pour trente de section“, einige hundert Meter hoch und dreißig im Durchmesser, „que des rayons d’un diamètre de cent mètres reliant à la <roue>“ (p.151f), durch Speichen von hundert Metern Durchmesser mit dem „Rad“ verbunden. Dieses hat einen Ringwulst, „un épais bourellet équatorial“, und ist bedeckt mit Kuppeln und Antennen, „couverte de dômes et d’antennes“ (p.152). Das Schiff ist durch Sprossen, „des aussières“ (p.155) mit der Baustelle verbunden. Offene Luken sind übrigens „des écoutilles ouvertes“ (p.153).

Der Neuankömmling Ganerc, „le nouveau venu“ (p.155), wird von Robotern in einem schüsselförmigen Segelschiff, „un voilier“ (p.156) abgeholt, das wie in einem Piratenroman auf Sichtweite herankommt, während das Segel sich im Wind bläht – im Sonnenwind allerdings, und den Strömungen der Gravitationsfelder: Es ist „une cellule parabolique, ouvert, au milieu de laquelle était fixé und voile. Celle-ci était gonflée par par des vents solaires et les courants de de gravitation“ (p.156). Das Segel hängt an einem beweglichen Mast, „un mat tournant“, und besteht im Deutschen aus einer Leichtmetalllegierung oder Kunststoff, im Französischen aus beidem: „Ganerc supposait qu’elle était constituée d’un alliage de métaux légers et de matières plastiques“. Es reflektiert das Licht der Sterne und des umgebenden Plasma, „elle reflétait la lumière des étoiles et du plasma environnant“ (p.157).

Bei Betreten des Schiffes über eine Verbindungssprosse zur Baustelle wird Ganerc von einer Leuchtscheibe geführt, „une disque brillant“. die ihren Glanz verliert und Grau wird, wenn sie gerade keine Aufgabe hat. Diese Farbgebung läuft analog zum Cappinfragment: Sie ist „cinquante céntimètres de diamètre pour vingt d’épaisseur“ (p.158), also 20 cm hoch und 50 cm im Durchmesser, und sie tanzt auf und ab.
Technisch ist im Französischen einiges modernisiert: Die Vakuumschweißgeräte wurden ganz normale Schweißgeräte, „appareils de soudure“ (p.151). Die „brodelnden Sonnenmassen“ (SB S.102) wurden „des proto-étoiles“, und die ständig wechselnden Gravitationsfelder, „des champs gravitationnels continuellement changeant“ bewegen die winzigen Trümmerstückchen, „le miniscules débris“, die aber neuerdings auch kosmischen Staub angesetzt haben, statt aus Schlacke zu bestehen: „Ils avaient fusionné et ramassée beaucoup de poussière spatiale si bien qu’ils étaient méconnaissables“ (p.151). Das Original lautet: „Sie waren ineinander verschmolzen und ausgeglüht; Abfall und Schlacke, bis zur Unkenntlichkeit zerstört“ (SB S.102).

So finden wir über alle Handlungsstränge des Doppelromans hinweg Einzelgänger, die auf  der Suche nach Werten in endlosen Gängen, Hallen und Räumen umherirren, beeinflusst von der Vergangenheit, konfrontiert mit der Gegenwart. Sie müssen ihre Position innerhalb einer veränderten Welt finden. Einerseits die Altlasten bewältigen, andererseits Strategien finden, dem Leben Sinn zu geben. Die französische Übersetzung ist flott und sachte modernisiert, was dem Text gut tut. Deshalb macht es wirklich Spaß, sie zu lesen.


© Alexandra Trinley, 2015

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