Yoga mit Kafka, oder: die Auszeit

Ein befreundeter Kafkafan mit Sinn für Humor ging auf Yogaurlaub. Aus seinen Berichten und seiner Lieblingslektüre entstand diese Geschichte.

I. Die Ankunft

Es war spät abends, als der Deutsche ankam. Der Zug fuhr weiter. Der verlassene Bahnsteig lag in unbewegter Finsternis und Ruhe. Ruhe hatte er sich gewünscht: eine Woche der Selbstfindung und Erholung. Kein Beruf, keine Freunde, keine Verpflichtungen. Die Finsternis machte ihm Angst.

Entschlossen stellte er den Koffer ab, dehnte die Schultern und atmete in tiefen und regelmäßigen Zügen ein und aus, um sich das Ziel seiner Reise und ihr Programm zu vergegenwärtigen: eine aktive Auszeit zu nehmen. Sich zu erholen. Wie es im Katalog hieß: Zeit zu haben, um in Stille dem Wind zu lauschen, der durch die Pinien strich und ihren würzigen Duft zu genießen.

Vom Yogazentrum Lupullia hoch über dem Meer auf dem Bergrücken des Taurusgebirges war nichts zu sehen, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete seine Lage oder die Richtung an. Lange stand er auf dem Bahnsteig, der über eine lange, einsame Landstraße hin zum Ziel führen sollte. Er atmete Nachtluft und blickte am Bahnhofsgebäude vorbei in die scheinbare Leere.

Kein Knarren von Rädern, kein Ochsenkarren, kein Esel, kein altersschwaches Motorrad. Eine Ahnung nur vom Meeresrauschen in weiter Ferne. Da ging er los, ein Nachtlager zu suchen. Zum Glück erreichte er nach einer Viertelstunde Fußmarsch durch die unberührte türkische Natur ein einsames Dorf mit weiß getünchten Häusern. An einem prangte ein Wirtshausschild. Es war spät, sein Akku war leer und seine Füße schmerzten schon, deshalb pochte er an die Türe, um hier das Telefon zu benutzen oder ein Nachtlager zu finden.

Sein Klopfen hallte in der dunklen Nacht und senkte rabenschwarze Einsamkeit in sein beklommenes Herz, bis nach bangen Sekunden Schritte zu hören waren: Im Wirtshaus war man noch wach …

Weiter in der Druckausgabe, erschienen beim TCE

  http://www.terranischer-club-eden.com/

gedition11

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