Übelst gelaufen

Fußpilz. Die reine Plage. Es juckt und drückt. Du willst den unbedingt loswerden. Aber wie? Egal was du tust, das geht nicht. Keine Behandlung wirkt. Da kann man nichts machen. Noch dazu ist es kalt und der Hund muss Gassi. Missmutig schlappst du den Gehweg entlang, dem Hund hinterher, der sich pausenlos kratzt. Da fällt dir die gelbe Flaumfeder auf, die gemeinsam mit einem schmierigen Zettel an einem abgekauten Kaugummirest in der Bordsteinritze klebt.

Da steht was drauf. Der Hund zieht an der Leine, nasser Regen beginnt, doch du beugst dich ächzend runter und pflückst den Fetzen. Es ist die Annonce eines indianischen Geistheilers, der drei Straßen weiter wohnt. Geistheiler! Schamane! Schwache Hoffnung erhellt deine Seele wie das Glimmen einen angerissenen Streichholzes im Gemeinschaftsklo einer Hochhaussiedlung. Da musst du hin.

Als du vor dem morschen Lattenzaun stehst, in dessen Pfosten Reste von Stacheldraht stecken, jault der Hund auf und winselt. Du lässt dich nicht beirren. Die Leere des Grundstücks schlägt dich in ihren Bann. Zumal der Vorhang sich zu bewegen scheint wie von unsichtbarem Wind.

Du stößt das Tor auf, ziehst den fiependen Köter hinein und bindest ihn an dem einäugigen Gartenzwerg fest, dessen Picke fest im Boden steckt. Dann gehst du zur Tür. Keine Klingel, kein Schild. Eine pelzige Raupe hangelt den blätternden Putz entlang. Graue Spinnweben wehen über dem Türstock aus dürrem, ausgetrocknetem Holz. Ausgebleichte Farbmasse sträubt sich. Staub klebt in den Spalten. Die Tür ist verschlossen. Dein Klopfen hallt wie an einer Gruft und echot hohl im Inneren wider.

Und schon knarzt die Tür einen Spalt weit auf. Du spürst, dass du vor dem Geheimnis stehst, das deine Qualen beseitigt. Gleich ist es soweit. Jetzt. „Ähm – wohnt hier der Geistheiler?“, stotterst du. Ein röchelnder Atemzug scheint zu bejahen. „Ähm – ich habe einen Fußpilz, der nicht weggeht, und da wollte ich fragen …“ Deine Stimme verliert sich und du verstummst.

Eine knorrige, ausgedörrte Hand schiebt sich aus dem schmalen Dunkel und hält die Tür einen Spalt weit offen. „Moneten!” röchelt es heiser, und endlich weißt du, was du zu tun hast. Zitternd vor Hast reißt du dein Portemonnaie aus der Tasche, um es auszuräumen und alles Geld dem Dunkel des Innenraums entgegenzuhalten. Die Krallenhand streckt sich vor, du legst alles hinein, dreckige, verwachsene Fingernägel schließen sich um deine Barschaft.

Die Tür geht weiter auf. Ein alter, stoppelbärtiger Mann mit aufgeschwemmten Tränensäcken, Federschmuck und modrigem bunten Umhang stiert dich an, mustert dich von oben bis unten. Ein schiefer Blick aus dem entzündeten Augenwinkel, ein weiterer auf den Hund, eine grau belegte Zunge fährt über dürre Lippen. Und mit einem knappen Nicken tritt er beiseite.

Es stinkt. Hinten am Ende des Ganges leuchtet schwacher Phosphorschein. Die Dielen knarren bei jedem Schritt wie die ausgetrockneten Rippen eines Skeletts in Death Valley. Die Knochenkette klappert. Ein Scharnier quietscht. Der Atem des Schamanen rasselt wie Skorpione. Die Tür klappt ins Schloss. Noch ein Schritt.

Die Dielen senken sich und geben nach, geben den Raum darunter frei. Kahle Erdwände, Ketten, Klapperschlangen und Totenschädel. Wie eine Gruft. „Mein Geld“, schreit es in dir auf, und du beginnst zu denken. Zu spät. Ein Schlachtermesser blitzt auf. Und mit deinem Geiz bist du auch deinen Fußpilz los.

© Alexandra Trinley 2015

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