Tini und das Piratengespenst

Es war einmal eine niedliche, kleine Tini, die hatte große, braune Augen und war sechs Jahre alt. Eines Tages fand sie beim Spielen ein kleines, blaues Kästchen, das aussah, als sei es von einem Piratenschiff. Aber es war so klein, dass sie es bequem in die Jackentasche stecken konnte, deshalb nahm sie es nach Hause mit. Dort versuchte sie es zu öffnen, aber der Deckel ging nicht auf. Also steckte sie es in ihre Schublade.

Tief in der Nacht, als es ganz dunkel war, wachte Tini auf. Draußen brauste der Wind und sie hörte ein Pochen und Klappern und dazu ein feines Geheul wie von ganz leisen Stimmchen. Tini blieb still liegen und lauschte. Und da hörte sie das eine leise Stimmchen jaulen: „Ich will raus! Lass mich raus.“ Dann klopfte und klapperte es wieder.

Vor Schreck zog Tini sich erst einmal die Decke über den Kopf. Aber dann wurde sie doch wieder neugierig. Die Laute schienen aus ihrer Schublade zu kommen, und dort lag das Kästchen. Sie bekam eine Gänsehaut, aber dann schob sie doch einen Fuß aus dem Bett, um das Licht anzumachen. Ob im Dunkeln Spinnen herumkrabbelten? Schaudernd zog sie den Fuß zurück. Und nun fiel ihr auf, dass ein dünnes, grünes Licht, das sie nicht kannte, das Zimmer erfüllte. Es war gerade hell genug, dass sie die Schublade sehen konnte.

Nun polterte es plötzlich laut, und die feine Gespensterstimme jaulte auf wie ein getretener Hund: „Lass mich! Lass mich raus! Rauuus!“ Da setzte Tini beide Füße auf den Boden und tappte zur Schublade. Je näher sie kam, desto heller und kälter wurde das grüne Licht, und plötzlich fror sie auch. Aber sie zog die Schublade auf, und da lag das Piratenkästchen, von einer Schicht grünen Lichts umgeben, durch das feine Blitze zuckten.

Noch einmal jaulte die Stimme auf. Tini fragte mutig: „Wer bist du denn?“ Uuauh, ich bin der Geist des Piratenschatzes, lass mich raus!“, erwiderte das Gespenst. Wieso?“, fragte Tini. „Wieso sollte ich dich rauslassen?“ Dass es ihr eh nicht gelungen war, das Kästchen zu öffnen, verschwieg sie.

Uuauh, ich weiß von einem Schatz, den zeig’ ich dir, wenn du mich befreist“, heulte die Stimme. „Aber es muss jetzt sein, während die Geisterstunde noch andauert.“ Tini überlegte. „Müssen wir raus?“ Die Stimme lachte meckernd: „Ei, du dummes Kind, was denkst du denn?“

Na gut“, antwortete Tini, zog sich leise an, wickelte das grün leuchtende Kästchen in einen Schal, damit das Licht keinen im Haus weckte, und schlich sich die knarzende Treppe hinunter. Sie griff sich den Schlüssel und zog die Haustür hinter sich zu.

Draußen war es dunkel, nur der Mond schien in einem ungesunden, orangefarbenen Licht. Das Piratengespenst dirigierte Tini ein paar Häuser weiter. Hinter einem Geräteschuppen lag ein tiefer Graben, und dort begann ein großes Rohr, durch das Regenwasser abfließen konnte. In dieses dunkle Eck zu gehen, dazu hatte Tini wirklich keine Lust. Sie zögerte.

In diesem Moment wurde eine Jalousie hochgezogen, und Tini erschrak. „He, was macht denn du da?“, erklang eine Kinderstimme. Es war Jonas, der blödeste Junge ihrer Schule, der immer die Erstklässler haute, aber selber sofort heulend zu den Lehrern lief, wenn einer sich wehrte. Und in diesem Moment hatte Tini eine Idee.

Ich, ich, ach, ich sag dir mein Geheimnis nicht“, erwiderte sie mit unsicherer, leiser Stimme.

Nun war Jonas ganz wach. „Ey, was machst du denn da?“, rief er, und zwei Minuten später stand er neben ihr. Er war einen ganzen Kopf größer als sie. Tini wickelte das Kästchen schnell aus dem Schal und versteckte es hinter ihrem Rücken. Sofort griff Jonas danach und nahm es ihr weg.

Nein, das ist mein Geheimnis!“. Sie tat, als müsse sie weinen. Ich will den Schatz nämlich selber finden.“ Ein Schatz?“ Jonas holte aus, als wolle er sie schlagen. „Wie geht das?“ Er machte sich am Verschluss zu schaffen.

Tini protestierte: „Ich bekomme das Kästchen nicht auf, aber der Geist da drin will mir grad den Weg sagen. Lass es in Ruhe!“ In diesem Moment mischte sich das Gespenst ein: „Du dummes Kind, lass dem großen Jungen das Kästchen, der kann mir besser helfen! Weg mit dir!“ Jonas bestaunte das grüne Licht, dann bekräftigte er: „Du gehst jetzt mal sauber nach Hause, und wehe, du sagst einem was!“

Das ließ Tini sich nicht zweimal sagen. Noch einmal tat sie so, als ob sie gleich weinen müsste, dann rannte sie, was die Füße hergaben. Zum Glück kam sie ungesehen wieder ins Haus, sonst hätte sie so was von Ärger bekommen. Aber sie faltete leise ihre Kleidung zusammen und legte sich wieder ins Bett. Sie dachte an den blöden Jonas und den Geist, und dann schlief sie ein.

Morgens wachte sie auf, weil ihr Papa schimpfte: „Tini! Du hast gestern nach dem Spielen nicht gesagt, dass deine Schuhe schmutzig sind!“. Papa machte die Schuhe schnell sauber, und Tini ging in die Schule.

An diesem Tag konnten die Erstklässler ungestört spielen, weil der blöde Jonas nicht zur Schule kam. Auch am nächsten Tag fehlte er, aber Tini traute sich nicht, nach ihm zu fragen, und von den anderen Kindern vermisste ihn keiner.

Erst vier Tage später kam Jonas wieder. Aber er sah ganz schlecht aus. Er hatte dicke, rote Geschwüre an den Armen, und als er die Erstklässler sah, erschrak er furchtbar und ging gleich weg. Und auch als seine Arme wieder gesund waren, blieb seine Angst, so dass er nie wieder kleinere Kinder ärgerte. Und so hatte sich die Sache mit dem Piratengespenst doch gelohnt. Obgleich Tini sich ab und zu doch fragte, was das für ein Schatz gewesen war.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s