Heimkino

Diese Geschichte beginnt mit deinem Umzug nach Mexiko. Nach deiner Bewerbung bei diesem steinreichen mexikanischen Industriellen Brachio P. Auratum, der sein Privatleben gründlich abschottet, so konsequent, dass wirklich keine Aufnahmen von ihm und seiner Familie im Umlauf sind. Konsequenter Datenschutz, darauf sei er stolz, stand als Unterpunkt in der Projektbeschreibung, die als Annonce in der anthroposophischen Zeitschrift „Erziehungskunst“ abgedruckt war. Das hat dich beeindruckt.

Zurück zur Natur, zur Individualität, zum konkreten Begreifen der Welt, deshalb wohne er ja auch in dem nach dem berühmten Freiheitskämpfer benannten Teil Mexikos, kurz: Er wolle in Chilpancingo, der Hauptstadt, Guerreros, einen Waldorfkindergarten einrichten und suche Mitarbeiter. Neben der Aussicht auf eine erfüllende Tätigkeit wird eine besonders ansprechende Bleibe mit Kino im Keller versprochen und warme Küche. Du hat dich beworben und wurdest sofort genommen.

Beim Landeanflug versetzen dich die weißen, pulverfeinen Strände entlang des türkisazurblauen Meers in Begeisterung. Die Landung spürst du kaum. Vor lauter Begeisterung bemerkst du die wortkarge Art des Abholenden kaum. Er murmelt einen unverständlichen Namen und klemmt sich hinters Lenkrad. Über lange, staubige Holperstraßen bringt er dich in ein hübsches, kleines Bauernhaus draußen am Stadtrand, in dem du wohnen sollst. Die Haustür ist offen. Er zeigt dir Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Bad und im Keller das Heimkino.

Es übertrifft deine Erwartungen bei Weitem: Plüschsofas vor einem wandfüllenden Bildschirm laden zum Draufsetzen ein Auf der rechten Wand prangt eine flächendeckende Darstellung des Stadtwappens von Chilpancingo mit Burg und Rüstung und Sonnenstrahlen unter stilisiertem Lorbeerkranz. Das sieht so was von edel aus. An der linken Wand des geräumigen Kellerrraums befindet sich ein rustikaler Kamin, und auf dessen Sims liegt ein Silberteller, verziert mit einem jener mythenalten Götterbilder mit herausgestreckter Zunge. Es dient zur Dekoration: von dem geheimnisvoll blinkenden Haufen darauf kannst du beliebig viele alte Münzen nehmen, Originale aus der Zeit der mexikanischen Republik, um sie in den verglasten Getränkeautomaten voll kühler Erfrischungsgetränke aus aller Welt zu werfen oder dir eine raschelnde Tüte aus dem gut bestückten Snackautomaten zu holen. Der Vorrat scheint unerschöpflich.

Auch an Unterhaltung besteht kein Mangel: jeden Film könne man dir besorgen, jeden, versichert der schielende Hausmeister, der sich, auf deine Nachfrage hin verständlich, als Margez Arrigo vorgestellt hat. Man sei gut vernetzt. Der Mann ist hilfsbereit, und an seine Art, mit den sechsfingerigen Händen im Gesicht herumzufahren, wirst du dich gewöhnen. In den industriellen Ländern wird Sechsfingrigkeit operiert, hier nicht, erinnerst du dich und freust dich auf deine neuen Aufgaben. Denn du bist Individualist und Kindergärtner aus Leidenschaft, und keiner sollte sich verbiegen und verändern lassen müssen. Diese Offenheit des Kindes, die gilt es im Leben des Erwachsenen am Leben zu halten.

Nichtsdestotrotz fasziniert dich das Heimkino jetzt erst mal am meisten. So was hattest du halt noch nie. Du musstest das erst mal in Betrieb setzen, die ersten Snacks probieren und dich in das Plüschsofa lümmeln. Ohne irgendetwas anderem mehr denn höfliche Aufmerksamkeit zu widmen. Ein Halbkreis aus Getränkebechern umsteht dich.

Irgendwann ist das Haustelefon mit schrillen Klingeln zum Leben erwacht, aber das hat dich gar nicht gestört. Der Hausmeister hat hineingesprochen und genickt und sich nuschelnd zu dir gebeugt, und nun sitzt du da und erwartest den Besuch des geheimnisvollen Mäzen, von dem es kein Foto gibt. Offiziell jedenfalls. Ein interessanter Mensch muss das sein. Du verfolgst gespannt diesen „Mama“-Film, den du noch nicht gesehen hast, den von dieser umherkriechenden Toten, die ihre Kinder umsorgt und nicht loslassen kann.

Du magst den Film und verlierst du dich darin. Gerade gewöhnen sich die Kinder in ihre neue Familie und schauen immer wieder nach einem Beobachter, den keiner sieht, da bröckelt Putz im Kamin, eine Tür schließt sich und jemand kommt herein. Du bist von der Mumie so fasziniert, dass du dich nicht gleich umdrehst, und irgendwo hast du auch das Gefühl, dass es in Ordnung ist. Sicher wird dein großzügiger Arbeitgeber dich verstehen. Der Neuankömmling gleitet geräuschlos in den Sitz hinter dir, ein Klacken, Rascheln wie von Pelz, ein angenehm erdiger Geruch. Weil der Film gerade so spannend ist,.drehst du dich nicht um. Er findet ihn wohl ebenso fesselnd wie du, denn er bleibt ganz ruhig sitzen, und du vergisst ihn.

Du schreckst erst auf, als sich eine weiche Röhre auf deinen Unterarm legt. Dahinter ein Pelzärmel. Eine Frau? Eine vernuschelte, verrauchte Stimme ertönt: „Hallo, mein Freund. Darf ich mich vorstellen: Ich bin Brachya.“

Beflissen schnellst du herum und musst dich mit aller Entschlossenheit auf deine gute Kinderstube besinnen. Um nichts Unhöfliches zu tun, zu schreien oder so. Denn neben dem einen Pelzarm, der auf deinem liegt, gibt es noch drei weitere, einer liegt auf dem schwellenden Unterkörper, und vom Sofa zum Boden führen vier ebensolch pelzige Beine. Die Augenzahl irritiert dich enorm, und du bist froh, dass der Lipgloss auf den Mandiblen so dezent verwendet wurde, denn mehr Rot hätte schrecklich gewöhnlich gewirkt. Wenn überhaupt, dann müsste die Farbe besser zu den orange leuchtenden Fellbändern an den Gelenken passen.

Du räusperst dich und bemühst dich, die Gedanken vorbeirasen zu lassen, um nichts Falsches zu sagen und heiser eine angemessene Begrüßung herauszuquetschen. Du hustest.

Ich weiß, du bist überrascht“, fährt Brachia fort. „Eine Frau in meiner Position, das ist hier im konservativen Mexiko ungewöhnlich. Deshalb lebe ich so versteckt und ziehe hinter den Kulissen meine Netze, um genug vom Weltmarkt zu ergattern. Aber nun habe ich so einiges erreicht und möchte meine Umwelt aktiv gestalten. Zum Beispiel mit diesem Kindergarten. Ich liebe Menschenkinder.“

Du verschluckst dich. Das Wofür steht dir ins Gesicht geschrieben, und sie kann deine Mimik lesen. Aber sie hat eine geduldige Seele, sie ist nicht beleidigt.
„Denkst du etwa an diesen Schwarzenegger-Film, „Predator“? Nein, nein, das ist Science Fiction. Schrott. Schund.“

Sie lässt den einen Arm auf deinem ruhen und legt den anderen um deine Schultern.
„Wird Zeit, dass du bessere Filme siehst. Ich habe eine riesige Sammlung. Wir haben viel Zeit, so viel Zeit. Und tagsüber betreust du den Kindergarten. Noch eine Erdnuss?“

© Alexandra Trinley 2015

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