Ernst Vlcek – Beobachtungen zum Genrewechsel in einem SF-Roman

Dies ist die überarbeitete Version meines Artikels „Ernst Vlcek und die spitzen Zähne“ in der SOL 71, in dem ich den Genrewechsel zwischen Science Fiction und Horror in „Das Blut der Veronis“ (PR 2205) untersuche.

Als ich mich mit der charakteristischen Schreibweise Ernst Vlceks zu beschäftigen begann, beschäftigte mich vor allem seine Neigung zum Okkulten. Diese setzte sich sofort ins Leben hinein fort, sobald die Fragestellung in mir zu arbeiten begonnen hatte, denn ich bekam das Material von selbst in die Hand: Wenn beim willkürlichen Griff in beliebige Stapel vier von sechs Romanen von einem Autor stammen, so ist es ein klares Zeichen, dass die Romane nach einen Herausarbeiten ihrer Charakteristika schreien. Vor allem, wenn es die Romane des ehemaligen Lieblingsautors sind, und dieser sich neben Science Fiction und Fantasy auch mit Horror beschäftigt hat. Da kommt man dem Aufruf lieber mal nach, man weiß ja nie … trotzdem werde ich heute nur auf einen von ihnen eingehen, und zwar „Das Blut der Veronis“ (PR 2205). Ich hoffe, das reicht, um Grundzüge darzustellen.

Verschaffen wir uns zunächst eine biographischen Überblick: Ernst Vlceks stieg mit Heft 509, „Die Banditen von Terra“, in Perry Rhodan ein, und Heft 2231, „Der Klang des Lebens“, war sein letzter Beitrag zur Hauptserie, vier Jahre vor seinem Tod. Er betreute die Exposés 800 Hefte lang, bis 1999, und zeitweilig auch den PR-Report und die Leserkontaktseite. Darüber hinaus schuf er „Dämonenkiller“ Dorian Hunter und arbeitet mit am Fantasyhelden Mythor.

Das vorliegende Produkt seiner düsteren, irrationalen Seite erschien am 25. November 2003 als Fortsetzung des sehr lesenswerten „Planet der Mythen“ von Claudia Kern. Es wurde unmittelbar fortgesetzt im „Gesang der Hoffnung“ von Frank Borsch. So ist der Roman zwar vollständig in die Serienhandlung eingebunden, spielt aber fast zur Gänze unter Tage, und hier gelten bei Vlcek andere Regeln. Mit dem Wechsel unter die Oberfläche und zurück wechselt Vlcek weitgehend das Genre der Science Fiction und wechselt zu einer Welt, die zum Horror gehört oder zur Dark Fantasy. Diese wollen wir in dieser Romananalyse betrachten.

Die Hauptpersonen des Romans sind Perry Rhodan und Atlan, die mit Lotho Keraethe in den Sternenozean von Jamondi eindringen und sich nach dem Absturz auf einem unbekannten Planeten allein durchschlagen müssen. Nach monatelangem Aufenthalt bei hundeähnlichen Einheimischen, von denen sie die Ortssprache lernen, begeben sie sich auf die Suche nach ihm, werden sie gefangen genommen und wachen im ersten Kapitel als Arbeitssklaven in der Mine auf. Dort müssen sie sich behaupten und schließlich fliehen.

Um zum Aufstellen von Thesen Vergleichsmaterial außerhalb der Perry-Rhodan-Welt zu bekommen, habe ich den ersten Band von „Dorian Hunter“ gelesen, und war überrascht, wie schnell Vlcek die Handlung Fahrt aufnehmen lässt, indem er mit ganz und gar vertrauten Versatzstücken arbeitet: Die Fahrt zum Vampirschloss, die diversen Särge, Kreuze und Wahnsinnigen, die der Leser sofort wieder erkennt, ohne sich im Mindesten anstrengen zu müssen.

Im „Blut der Veronis“ finden wir ebenfalls vertraute Vorlagen: Einerseits eine unterirdisch lebende, ausgebeutete Arbeiterschaft, welche die auf der Oberfläche Lebenden versorgt, genau wie im Film „Metropolis“ von Fritz Lang. Andererseits ist da eine solidarisch organisierte Arbeiterschicht mit Aufsehern und Arbeitstrupps. Deren Leitung ist ehrgeizig, steht von oben her unter Druck und benutzt ihre Macht, um diesen Druck ungemildert nach unten weiterzugeben – ungehemmter Kapitalismus. Drittens kennen wir unterirdische Höhlenlabyrinthe, in denen jemand ausgebeutet wird, in denen tödliche Kämpfe, entscheidende Begegnungen und Einsichten in weiter gehende Wirklichkeiten ihren Ort haben, aus diversen Romanen, aus Fantasy-Titeln wie Tolkiens Hobbit und Lord of the Rings ebenso wie aus dem antiken Hades, der Totenwelt.

Wie dieser Hades hat auch die Mine eine ganz tiefe Stelle, an der die ganz schlimmen Dinge passieren, und wie dort kann man auch hier zur Oberfläche klettern, wenn man den Mut hat. Dazu kommt eine zweite Mythologie: Der in Gesängen beschworenen Schutzherr der Motana – ganz leicht verfremdet für Bergbewohner, Gruß an Montillion – heißt Jopahaim, ein typisch hebräischer Engelsname.

Viertens kennen wir die Hauptpersonen, und ihre Persönlichkeiten werden in ausgeprägter Weise in die Handlung eingebaut, erzähltechnisch wie inhaltlich. Die Halskrausen mit eingebauter Giftspritze, die ihre Flucht verhindern, sind auch nichts Neues, in PR kannte ich sie allerdings bisher nicht. Darüber hinaus erinnert Atlans Verhalten mich an gewisse Prinz-Eisenherz-Geschichten, der konnte auch nicht das Knie beugen und wurde dafür ausgepeitscht, ohne sich eine Blöße zu geben. Wie auch ganz ausgeprägt in den Klackton-Geschichten bringt Vlcek vertraute Tierarten ein, und seine geliebten Cyborgs sind mir unter anderem dem Tb „Satans Universum“ in deutlicher Erinnerung.

Mit dem Gang unter die Oberfläche verbleiben nur noch die Charakterzüge unserer beiden Helden, ein paar moderne Waffen, in die Cyborgarme der Igelähnlichen eingebaut, und ein Brocken Interkosmo vom Genre Science Fiction, stattdessen tauchen wir in ein unterirdisches Labyrinth voll Sklaven, Geschichten und Gruselgestalten ein. Interessant, dass Vlcek den pseudowissenschaftlichen Begriff „Psi“ konkret durch „Geister“ und „Blut“ ablöst, ohne dass Brüche auftreten. Sprachlich hat er das sehr schön gemacht: Atlan muss „parapsychisch“ auf Interkosmo sagen mangels Wortschatz (vgl. S.20), andererseits ist das entsprechende Wort „joten“ für die Fähigkeit der Motana, den Schaumopal zu erkennen, nicht übersetzbar: „Joten“ bedeutet offensichtlich wittern. Oder espern?“ (S.26).

Kommen wir zum Aufbau des Romans: Prolog und Epilog stellen den Vertreter des dortigen Unterdrückungssystems dar, den igelartigen Kybb-Cranar namens Raphid-Kybb-Karter, Direktor der Mine für Schaumopale im „Heiligen Berg“ von Baikhal Cain. Im Prolog schäumt er vor Wut wegen seines mangelnden Aufstiegs. Er reflektiert, in welchem Ausmaß er sich für die Karriere zum Cyborg hat machen lassen – was uns mit seiner in die künstlichen Arme eingebaute Neuropeitsche bekannt macht, seinen rot lackierten Rückenstacheln und den Motiven seiner Grausamkeit, nämlich Aufstiegswillen und völlige Gleichgültigkeit den Motana-Sklaven gegenüber. Die schwarzen Augen und spitz zugefeilten Zähne finden sich auch andernorts bei Vlcek, veranschaulicht unter anderem im Titelbild von „Der Puppenmacher“ (Dämonenkiller Nr. 31, vgl. http://www.gruselromane.de/vhr/romane/vhr031.htm).

Der Übergang von Prolog zur Haupthandlung ist ebenso harmonisch gestaltet wie der von einem Kapitel zum anderen: Raphid-Kybb-Karter schickt sich an, die neue Ladung Sklaven zu begrüßen. Im Epilog schäumt er über die gelungene Flucht, schickt noch zwei Untergebene in den Tod, weil er unbedingt die Leichen der scheinbar Umgekommenen haben will, und geht dann zur Tagesordnung über. Ein gelungenes Psychogramm dieses Menschentyps, der im realen Leben stets an Schlüsselstellen der Macht zu finden ist und zugleich eine Einführung in die Art von Mine, in der unsere Hauptpersonen aufwachen.

Der Hauptteil schildert Orientierung, Selbstbehauptung und Flucht unserer Helden in einer Gruppe von in die Mine entführten Humanoiden, die sich in ihr Schicksal ergeben haben und selber noch aktiv an ihrer Unterdrückung mitarbeiten, ohne sich darin wohlzufühlen. Er umfasst elf Kapitel, die abwechselnd Perry Rhodan und Atlan im Titel führen und somit die Reflektorfigur etablieren, aus deren Perspektive erzählt wird. Die Erzählweise ist jeweils subjektiv und entfaltet viele persönliche Eigenschaften in personaler Erzählsituation.

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Im weiteren Verlauf wird Atlan jedoch auch zum echten Erzähler, der, von Rhodan beobachtet, als Ich-Erzähler von seinen Zeitabenteuern berichte. Was wiederum im Gesang der Montada verarbeitet wird, bei dem Atlan mitsingt – ein amüsantes Spiel mit der fiktionalen Realität, bei der der Leser, der die von Hans Kneifel geschriebenen Zeitabenteuer kennt, zusätzlich in Erinnerungen schwelgen kann. Mit noch einer Spiegelebene, wenn Atlan als „Bruder der stählernen Wölfe“ besungen wird und wir uns erinnern, dass der Name Vlcek „Wolf“ bedeutet.

Alle ungraden Kapitelnummern sind Perry Rhodan zugeordnet, alle geraden Atlan. Die ungraden Kapitel handeln entsprechend von sozialen Aktivitäten, Gemeinsamkeit, Sorge um den anderen, Hilfe, Organisation und Rettungsaktionen. In den gradzahligen Kapiteln geht es um Machtkämpfe, Auseinandersetzungen, Aufbegehren. Durch die Zahl elf entsteht eine Dynamik, die den Ausbruch aus der Schaumopalmine auf formaler Ebene rhythmisiert. Mit Prolog und Epilog ergeben sich wiederum dreizehn Abschnitte, eine Zahl, die ebenso dem Genre Gruselgeschichte angehört wie der blutige Titel.

Die eigenartige schwingende Atmosphäre entsteht neben dem einschlägigen, oben zitierten Wortschatz und die subjektiv geprägte Informationsvergabe durch die vielen Vergleiche, die den Text durchziehen. Um einfach mal die von den ersten drei Seiten aufzuzählen: (S. 5) kahlköpfig wie in seiner ersten Vision – silbernen Fingernägel funkelten wie Edelstein – gedrungene Gestalt, als stamme er – schaukelte, als gleite es über Wellen- Augen des Fremden bohrten sich wie Nadelspitzen – ein Brennen und Stechen, als sei er in Nesseln gewickelt – (S.6) sie hatten ihn an Igel erinnert – Humanoide, sehr menschenähnlich – nicht weiß, sondern hellblond – macht dich älter – erinnerst mich an ES – (S.7) größere Halle, die wie aus Fels gewachsen war – Neigung des Gleiters war bereist so stark, dass sie ins Rutschen kamen – schien, als hätten sich die Gefangenen in ihr Schicksal ergeben – sie tragen solche Halsringe wie wir usw., ergänzt um viele Fragen, welche Ratlosigkeit ausdrücken.

Außerdem vermittelt Vlcek dem Leser die Geschichte vor allem über Hör- und Bewegungseindrücke, dazu kommen olfaktorische Momente und die vielen lebhaften Dialoge. Keine statischen Sprechhandlungen wie bei Kneifel, sondern echter Austausch mit offenem Ausgang. Geräusche sind überall: Sirenen ertönen, im Berg ertönen dumpfe Geräusche, die den Veronis zugeschrieben werden, die hässlichen Suchtiere winseln und die Leute geben unartikulierte Laute von sich. Die Aufseherinnen riechen nicht, aber als Latrinen dienen Felsspalten, und „der Gestank (ist) bestialisch“ (S.24) dort unten.

Vlcek verwendet immer wieder gerne Tiere und deren Attribute: schon seinen PR – Debüt „Die Banditen von Terrania“ (PR 509) kommen alle Zootiere frei und durchstreifen Terrania City. Er verwendete viel Zeit auf Atlan, der hier so nah und persönlich auftritt wie selten.

Gleich im ersten Kapitel nehmen wir an Perry Rhodans Bewusstseinsvorgängen teil, als er noch bewusstlos ist, und erleben zwei seiner Träume mit, und zwar von einer blauen, kahlköpfigen Frau mit eisgrauen Augen und silbernen Fingernägeln, von der er schon im Roman vorher träumte und vom Fremden auf dem Hovertrike mit Orangenhelm und geschlitzen Katzenaugen, der ihn und Atlan in der fiktionalen Realität einfing. Diese knüpfen an die vorhergehende Handlung an, so dass der Leser sich daran erinnern kann, Der Rückblick als Traum ist eingepasst in die passive Phase, während der er zusammen mit den anderen Sklaven auf einem Wagen in die Tiefe der Mine transportiert wird.

Für eine derart nahe und persönliche Darstellung der beiden finde ich kaum Vergleichstexte. Sie gipfelt in Atlans Bemerkung „Zanken wir uns schon wie ein altes Ehepaar wegen jeder Kleinigkeit“ (S.11), begründet mit der Gewohnheit der beiden, große Probleme zu lösen, statt sich um Essen und Schlafplatz zu sorgen. Zu Scheers Zeiten gab es diese Belangloses thematisierende Gesprächsform bei großen Helden in kurzen Einschüben und als Psychotrick deklariert.

Als die beiden in der Mine aufwachen, tastet Perry um sich, denn er sieht erst mal nichts als Nebel, nasse Wände und Positionslichter. Atlan fasst ihn von hinten an. Allerdings fragt er nach, ob es Perry sei, denn er kann ebenfalls nichts sehen, und er hält sich an ihm fest „wie ein Blinder, der Halt sucht“ (S.6). Die beiden sind sich in dieser Situation notgedrungen sehr nahe und hören jede Bemerkung, die der andere macht. Entsprechend unmittelbar sind ihre Reaktionen: Rhodan zieht Atlan wegen seines ES-ähnlichen weißen Barts auf, und der Arkonide kontert: „,Ich bin nicht weiß, sondern hellblond’, berichtigt(e er) träge.“ (S.6). Diese Nähe gipfelt in Atlans Kritik an ihrem Umgangston: „Zanken wir uns schon wie ein altes Ehepaar wegen jeder Kleinigkeit“ (S.11), begründet mit der Gewohnheit der beiden, große Probleme zu lösen, statt sich um Essen und Schlafplatz zu sorgen.

Wegen der körperlichen Hilflosigkeit, die Atlan aufgrund seiner Aufsässigkeit im Umgang mit Autoritäten im Laufe des Romans immer wieder befällt, muss Rhodan ihm zuverlässige Unterstützung und Orientierung bieten. Trotzdem ist Atlan sehr klar und beobachtet alles, rebelliert auch von Anfang an, während Rhodan viel vorsichtiger ist. Atlan thematisiert denn auch ihre metallenen Halskrausen, durchschaut sofort ihre Kontrollfunktion und zerrt daran. Trotz der „aussichtslosen Situation“, dem „Stöhnen und Wimmern“ und der „beklemmenden Stille“ (S.7) um sie herum steht Atlan auf, sucht seine Waffen und entledigt sich der Sklavenkleidung, damit alle sehen, dass er anders ist. Rhodan tut es ihm gleich.

Entsprechend dem Charakter der Reflektorfigur geht es in diesem Abschnitt um Macht, Auflehnung, Selbstbehauptung und Unterwerfung. Atlan betrachtet die Cybb-Cranat ganz genau, vor allem ihre Waffen, und muss sie sofort herausfordern, um deren Reichweite kennenzulernen. Als der Minenleiter Raphid-Kydd-Karter eintrifft, durch knallrote Rückenstacheln, Antigravplattform und Soldaten als Herr der Lage gekennzeichnet, und von den Pflichten der Sklaven spricht, wird Atlan schnell ungeduldig, tritt trotz Rhodans Warnung vor und will widersprechen, was sein Gegner aber mit seiner eingebauten Neuropeitsche unterbindet. Während er sich schreiend am Boden windet, erhalten die Sklaven weitere Informationen über ihren Halsring, der jeden Tag auf Null gestellt werden muss, um sie nicht zu töten. Atlan kann aber wieder auf die Füße kommen, ehe sein Gegner die Rede beendet.

Im nächste Kapitel steht wieder Rhodans Mentalität im Mittelpunkt. Er will Atlan tragen, als einer der Motana ihm Hilfe anbietet. Atlan hat für beide Spott und Verachtung übrig, er konfrontiert: „Wo hast du denn gesteckt, tapferer Motana?“. So dass Rhodan ihn zurechtweist: „,Sei still, Arkonide!’,herrschte Rhodan ihn an. ,Du musst dich nicht mit allen anlegen’“ (S.13), so dass Atlan nur noch „Feige, dekadente Bande“(S.13) murmelt und sich stützen lässt. Er scheint zu dösen, Rhodan bemerkt aber, dass er alles beobachtet.

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Spätestens an dieser Stelle wendet sich die Handlung endgültig von der Science Fiction in die Irrrationalität. Rhodan fragt, was die Veronis sind, deren Blut sie aus dem Berg holen sollen, und erfährt, es seien „besondere Geister. Geister, die den Heiligen Berg beherrschen.“ (S.13), was Atlan verächtlich als Aberglaube abtut. Um sie herum befinden sich „klapperige Gestalten, die dem Tod näher sind als dem Leben“ , „klapperige Schreckgestalten“, einer hat „nur noch wenige Büschel grauen, verfilzten Haares auf dem Kopf“, der andere ist „hohlwangig […] mit Glatze, „eingefallenen Lippen“ und „tief liegenden, blutunterlaufenen Augen“ (S.13). Sie herrschen Atlan an: „Still! Spart euch eure Energie für das Blut der Geister“ (S.13). Ein ganz ausgemergelter Mann fällt auf, den die beiden sehr bemitleiden – im Inneren des Berger wird er jedoch immer fitter, während die anderen abbauen. Er heißt Fahrdin, er wird sterben und danach eine sehr aktive Rolle einnehmen.

Typisch für Vlcek auch die Hermaphroditen – die Frauen der Motana haben Namen wie Aicha und Nerine, sind aber nur durch ihren weniger strengen Körpergeruch von den Männern unterscheidbar, nicht durch sichtbare Merkmale. Sie stellen die Vorsteherinnen, denn die Männer wollen nicht, dass sie die harte Arbeit machen.

Die Handlung entfaltet sich zwischen den Polen der beiden charakterbedingten Herangehensweisen: Perry beginnt Gespräche und kümmert sich, während Atlan rebelliert.

Geräusche sind überall: Sirenen ertönen, im Berg ertönen dumpfe Geräusche, die den Veronis zugeschrieben werden, die hässlichen Suchtiere winseln und die Leute geben unartikulierte Laute von sich. Das Umfeld ist unzivilisiert: Die beiden „Galaktiker müssen sich mit einer Katzenwäsche genügen“ (S. 24), als Latrinen dienen Felsspalten, und „der Gestank war bestialisch“ (S.24). Noch dazu können sie, im Gegensatz zu den Motana, den begehrten Schaumopal nur erkennen, wenn er durch einen falschen Schlag verpufft. So haben sie keine Chance, aus eigener Kraft ihr Tagespensum zu erfüllen. In dieser Hinsicht dürfen sie aber nur zwei Mal versagen, denn sonst werden die Halskrausen nicht mehr auf Null gestellt und sie sterben an Gift.

Jedoch beginnt Atlan von ihren Abenteuern zu erzählen und später kommen alle seine Zuhörer und geben ihnen ein paar Brocken von ihrer Ausbeute ab, so dass sie ihr vorgeschriebenes Pensum abliefern können. Auf diese Weise überleben sie: Atlan erklärt selbstbewusst: „So erzählt man Geschichten, Freund Perry“ (S.18) und gibt seine Zeitabenteuer zum Besten. Die Motana, die nicht erkennen, dass er dabei in Trance ist und gar nicht aufhören könnte, scharen sich begeistert um ihn. Sie versorgen die beiden voll Freude mit Schaumopalen, denn die Geschichten wirken, wie sie sich ausdrücken, „für uns alle belebend. Mancher hätte schon längst seinen Überlebenswillen verloren, wenn er nicht in Erwartung von Atlans Geschichten wäre“ (S.37). Womit die berühmte „vierte Wand“ zum Leser verschwimmt: Wie einst im Druuf-Zyklus erzählt Atlan in der Öffentlichkeit, informiert die Leser, von denen viele sich in jungen Jahren sicher ähnlich an den Zeitabenteuern festgehalten haben, und bewirkt igleichzeitig innerhalb der Fiktion Ausschlaggebendes.

Umgekehrt beginnen die Motana im fünften Kapitel zu singen, Perry versteht immer weniger Wörter, und der Gesang wird für ihn immer mehr zu einer Aneinanderreihung sinnloser Silben: „Keur die spiiri növe/ keur soi verenonis ekt“ (S.24) erinnert noch an Wörter aus verschiedenen terranischen Sprachen, aber „Si-de si-de volis odis/ re-no obis vek o-noj“ klingt dann schon wie ein geheimnisvoller Zauberspruch. Atlan versteht die Rhythmen und Wiederholungsmuster und singt die ganze Zeit mit, während Rhodan sich bei dem „immer mitreißender und aufwühlender, aber auch immer simpler“ (S.24) werdenden Gesang […] seltsam benommen zu fühlen begann, so als seien seine Sinne von Drogen umnebelt. […] Er erkannte, dass der Gesang in zunehmendem Maße bewusstseinserweiternd und suggestiv wirkte“ (S.24). Diese Entgrenzung in einer quasi kultischen Handlung findet sich bei Vlcek immer wieder, mit einer ungewöhnlich expliziten Verbindung von Schutzhandlung und Sexualität in einem Mann in „Die Verlorenen von Chearth“. In „Klacktons Planet“ taucht ein überaus malerischer Anti-Priester in Robe aus der Dunkelheit auf.

Noch dazu gibt es Gasausbrüche, bei denen sie „Trugbilder“ (S.25) sehen, und stetig begleitet Grollen aus dem Berg psionischen Schockwellen, Psi-Stürme und den mentalen Druck, die im Berg vorherrschen – das immer wieder als pseudowissenschaftlich kritisierte „Psi“ der Science-Fiction-Serie steht auf einer Ebene mit Okkultem.

Perry und Atlan, die Planer, schaffen es, Vorsteher zu werden, damit die anderen nicht immer mehr fördern müssen, und fordern Einsicht in die Pläne des Bergwerks. Es ist ohne statische Berechnungen durchtunnelt wie ein Schweizer Käse, und beim Versuch, eine unsichere Stelle zu überprüfen, wird Atlan mit seiner Gruppe verschüttet. Obwohl da normalerweise nie etwas unternommen wird, setzt Perry Rhodan natürlich eine Rettungsaktion durch, an deren Ende er einen schwarz verrußten Atlan ausgräbt, der in der Tiefe sehr viel Neues über die Motana, den Berg und die Veronis erfuhr.

Kurz vor dem Unfall fragt Perry eine Vorsteherin am „Paternoster“ (S.39 nach dem Verbleib der anfallenden Leichen. Dies ist ein Endlosaufzug mit sehr religiösem Namen, was einen spirituellen Hintergrund zu den Todesfällen liefert. Denn die Toten werden eben nicht bestattet, sondern liegen gelassen, und die Veronis holen sie sich, die Leichen sind einfach weg. Perry ist das unverständlich.

Im Untergrund erfährt Atlan nun eine Verwandlung. Der Untergrund ist der klassische Ort für eine Verwandlung. Schon unsere neolithischen Vorfahren malten und bauten tief unter der Erde und setzten sich in die entstandenen Kammern. Bei Tolkien geschieht Gleiches mit Gandalf, der als Grauer mit dem Balrog in die Kluft stürzt und als der Weiße wieder auftaucht.

Atlan hört die Wahrheit, denn er trifft den kürzlich verstorbenen Fahrdin. Was er ertählt, passt harmonisch zur abgebildeten Ausbeutergesellschaft, in der Art, in der die schicksalsergebenen Motana sich in den Unterdrückungsmechanismus fügen, indem sie freiwillig die auszufüllenden Positionen einnehmen. Denn sie werden selbst zu Veronis oder werden von diesen ausgesaugt, sobald sie den Prozess der Ausbeutung durchlaufen haben. Die Veronis treten denn auch auf wie Geister. Die verschüttete Gruppe bemerkt zuerst, das sich einer der ihren aufbäumt:
„Etwas sprudelte aus seinem Mund, dann fiel der Motada kraftlos nach hinten. […] Ein anderer Körper schlängelte sich zuckend über den Toten. Ein animalischer Laut erklang, der nach Schlürfen, Saugen und Knurren klang. Als würde ein Tier seine Beute reißen“ (S. 45).

Atlan glaubt, er würde sich wegen des erdrückenden psionischen Drucks die Geräusche nur einbilden, aber dann rufen die Motana, dass die Veronis kommen. Atlan sieht einen humanoiden Körper, „biegsam und wand sich wie eine Schlange“, ein Schemen, dessen „gichtige Klauen“ (S. 45) nach dem Sklaven greifen, der laut gejammert hatte, dass er sterben werde. Das Klagen verstummt, und es hört sich an, „als hielte ein Tier schaurige Mahlzeit“ (S.45).

Dann kommt die „furchtbar entstellte Hand“ eines Motana zum Vorschein, „weich und biegsam, wie eine Nachbildung aus Kautschuk“ (S.45). Als der Kopf „ins Freie“ stößt,, ist es „ein lang gestreckter Totenschädel mit tief in den Höhlen liegenden, blicklosen Augen. Ein Gesicht aus Beulen und offenen Wunden, mit vereinzelten Haarbüscheln am Schädel“ (S.45). Als Atlan zurückschreckt, grinst der „lippenlose Mund“ ihn an und „zeigte schwarze Zahnstummeln“. Er fragt, ob Atlan ihn erkennt, als würde er mit „zerfressenen Stimmbändern“ sprechen. Während eine zweite Hand und knochige Schultern aus den Geröll auftauschen, gibt er sich als der scheinbar verstorbene Fahrdin zu erkennen. Er wirkt auch nicht so recht irdisch, denn sein „Schädel schien einen Moment zu zerfließen, dann zog er sich jedoch zusammen und nahm normale Proportionen an“ (S.46). Während des Gesprächs verzerrt es sich jedoch immer wieder.
Fahrdin bietet Atlan die Hilfe an, die er ihm jetzt als Veronis leisten kann, weil er durch jede Ritze kommt. Atlan nimmt natürlich an und kann von Perry gerettet werden, letztendliche Befreiung auf dem Höhlenlabyrinth bewirken jedoch ganz klassisch ihre Entschlossenheit und ihr Mut.

Mit dem Aufstieg aus der Unterwelt verklingen Horror und Dark Fantasy, denn wir kehren ins normale Perry-Rhodan-Universum zurück. Einen schwächlichen Montana, der gerne stirbt, wenn er nur noch einmal die Oberfläche sehen kann, nehmen Atlan und Perry mit. Sie müssen ihn unterstützen, dafür verhilft er ihnen aber aus poetischer Gerechtigkeit zur Freiheit, denn er erkennt statt der glatten Wand einen Schaumopal, der bei Berührung verpufft und den Weg freigibt. Es ist jetzt ganz normale Psi-Energie, in die er sich verwandelt, kein Geisterblut mehr. Die drei erreichen die Oberfläche, der Montana gibt ihnen seine Habseligkeiten, zeigt ihnen den Weg zu seinem Stamm und genießt den freien Blick auf seine vertraute Welt. Dann ist das Zeitlimit für die Halskrausen überschritten, die Giftspritzen werden ausgelöst – und die Zellaktivatoren tun ihre Arbeit.

So sehen wir in diesem Roman, wie Vlcek mühelos von der Science Fiction zur Dark Fantasy wechselt und wieder zurück, eingebettet in eine Erzählhandlung, in der dieser Wechsel als logische Folge des Schauplatzwechsels erscheint. Im Rahmen der steten Diskussion zur Pseudowissenschaftlichkeit der Serie ist es schon interessant, wie mühelos hier Hyper und PSI gegen Geister und ihr Blut eingewechselt werden können, ohne dass Brüche in der Handlung entstehen. Unterschwellig kommt dergleichen in vielen PR-Romane zur Anwendung, mit wechselnden Akzenten, je nach Absicht des Autors und der Menge an Science, die umgesetzt werden. Es bewirkt Spannung und emotionale Bindung des Lesers unterhalb des Bewusstseins, das auf Science Fiction aus ist.

Zur Gestaltung Atlans sei angemerkt, dass Vlcek ihn in seinen Klackton-Romanen ganz anders charakterisiert, nämlich als stets an der Grenze des Nervenzusammenbruchs stehenden Übervater, der als Vorgesetzter des durch seine paraschizoiden Fehlleistungen auf unberechenbare Weise stets im Sieg verlierenden Generalversagers, den er einfach nicht kontrollieren kann. Dort überforderter Vorgesetzer per se, hier fähige Persönlichkeit mit vielschichtigen persönlichen Facetten. Es gibt wenige Romane, in denen sich die Persönlichkeiten von Perry Rhodan und Atlan derart umfangreich entfalten können, dass sogar ihre Vergangenheit mit eingebaut wurde und sie so viel miteinander zu tun haben. Vielleicht verträgt die Handlung den Genrewechsel deshalb so mühelos.

Dies zeigt einen Aspekt von Ernst Vlceks Beitrag zur Perry-Rhodan-Serie. Auf seinen Umgang mit Technik und Strategie, auf seine Art von Komik, auf die Exposé-Tätigkeit und seine Art, die Lks zu betreuen, wäre noch einzugehen.

 

 

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2 Comments

  1. Ja, das ist ewig schade. Deshalb ging ich im Lauf der Zeit zu den jüngeren Autoren über, und es macht echt Spaß, wenn sie sich z.B. wiedererkennen oder auch noch was ergänzen.
    Sicher gibt es genug Leute, die sich mit Ernst Vlcek über dieses Thema – SF und Horror – unterhalten haben, aber es kommt sicher bisschen komisch rüber, wenn man die anschreibt deswegen.

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