Die vier Unermesslichen

Die Ursache des Glücks liegt in der richtigen Geisteshaltung. Deswegen sind die vier unermesslichen Gedanken eine derart häufige Rezitation: sie erinnern kurz, aber präzise an die Eckpunkte.

  1. Semchen thamche dewa dang dewä gju dangdänpa gyur chig
  • Mögen alle fühlenden Wesen das Glück und die Ursache des Glücks besitzen.

Wenn alles auf Ursache und Wirkung beruht, ist das aktuell erlebte Glück nicht mehr als die bezaubernde Schaumkrone auf den Wellenkämmen eines sturmgepeitschten Meeres. Deswegen wünscht man allen fühlenden Wesen ohne Ausnahme zum momentanen Glück die dauerhafteren Ursachen des Glücks dazu, mit denen man es erwirbt. Darunter wären die Neigung zu den sechs befreienden Handlungen (Freigebigkeit, Geduld, freudevolle Anstrengung usw.), zu den zehn positiven Handlungen (Leben schützen, sinnvoll reden usw.) und insgesamt das Streben nach Mitgefühl und Einsicht.

2. Dugnäl dang dugngäl gji gyu dangdrälwa gyur chig.

  • Mögen sie frei sein von Leid und den Ursachen des Leids.

Enstprechend wünscht man allen fühlenden Wesen die Freiheit von den zehn negativen Handlungsweisen: die vom Körper sind Töten, Stehlen und sexuell negatives Verhalten. Die der Rede sind Lügen, üble Nachrede oder das Säen von Zwietracht, müßiges Geschwätz und grobe, verletzende Rede. Die drei negativen Handlungen des Geistes sind Habgier, Übelwollen und verkehrte Ansichten. In anderen Worten also die grundlegenden Geistesgifte Haß, Gier und Unwissenheit, in denen alle anderen wurzeln. Wobei letztlich Unwissenheit schuld an allem ist: wer würde etwas Schädliches tun, wenn er wüsste, welche Folgen daraus entstehen?

3. Dugnäl mepä dewa dampa dang mindrälwa gyur chig.

  • Mögen sie vom wahren Glück ohne Leiden nicht getrennt sein.

Das wahre Glück ohne Leiden ist die Erleuchtung, denn sie entsteht aus keiner Bedingung. Bedingungen leiten zu ihr hin, das ist alles. Innerhalb des Kreislaufs der Wiedergeburten und der bedingten Existenz ist alles vergänglich und geht ständig in veränderte Zustände über, die sich nicht so prickelnd anfühlen wie das ungetrübte Glück des Augenblicks. Deshalb wünscht man allen fühlenden Wesen erstens mal die Idee, dass es mehr gibt als das, was sie sich vorstellen können,und zweitens, dass sie es auch erreichen.

4. Nyering chagdang dangdrälwa tangnyom chenpo la näpa gyur chig.

  • Mögen sie, frei von Nähe und Ferne, Anhaftung und Abneigung, in großem Gleichmut verweilen.

Normalerweise ist man unaufhörlich und weit über jede Erschöpfungsgrenze hinaus damit beschäftigt, das Angenehme in der Nähe zu behalten und das Unangenehme wezuschieben. Hört man damit auf und nimmt das Kommen, Verweilen und Vergehen der Erscheinungen hin, bekommt man die Chance, sich ums Wesentliche zu kümmern. Wodurch man paradoxerweise dann eben klar genug im Kopf und empfindsam genug wird, um das Glück, das man vorher in der Form äußerer Erscheinungen und vergänglicher Gefühle festhalten zu wollen, von selbst zu erleben.

Der Buddhismus hat keinen Schöpfergott. Die Buddhas können Beispiel sein und den Weg zeigen, weil jeder selber die Buddhanatur in sich trägt. Weswegen jeder seinen eigenen Himmel, seine eigene Hölle erschafft, ohne sich darüber im Klaren zu sein. Damit muss man arbeiten. Deswegen rezitiert man die vier Unermessslichen.

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