Der Hamster

Es war Morgen. Gerade noch war Monika über eine sonnige Blütenwiese gelaufen, und nun blinzelte sie ungläubig ins graue Tageslicht. Regentropfen rannen über die Fensterscheibe. Kein Wecker – Moment! Es war Tag, und der Wecker hatte nicht geklingelt.

Mit einem erstickten Schrei fuhr die Siebtklässlerin hoch und angelte nach dem Wecker, der neben dem Bett auf dem Boden stand. Abgeschaltet! Sie hatte ihn abgeschaltet, es war halb zehn und sie hatten in der vierten Stunde die Mathearbeit, für die sie gestern noch bis zwei Uhr gelernt hatte. Mist!

So schnell war sie ihr Lebtag lang noch nicht aus den Federn gekommen. Schnell unter die Dusche zum Wachwerden. Ihre Eltern hatte beide Frühschicht, und ihre Brotbox mit dem Pausenbrot lag wie immer im Kühlschrank. Keine Zeit hineinzuschauen, keine Zeit zum Frühstücken. Zähneputzen, Kleidung an, Schuhe an, Haare bürsten, fertig, raus. Zu Fuß brauchte sie zehn Minuten zur Schule.

Fünf Minuten vor Zehn schnaufte sie die Schulstraße entlang, die im letzten Abschnitt ziemlich anstieg. Ein kleiner Bus überholte sie, dann ein Moped. An der Turnhalle hielt sie kurz an, um wieder zu Atem zu kommen. Wie spät war es denn? Oh Mist, sie hatte das Handy vergessen!

Gerade wollte sie zwischen den Turnhallen durch und die Treppe zum Pausenhof hochlaufen, da fielen ihr die Jungs auf. Sie standen so, dass man sie von der Schule aus nicht sehen konnten, und beugten sich über etwas, das einer von ihnen in der Hand hielt.

Neugierig kam sie näher. „Hallo!“, rief sie. Die Jungs schauten auf. Sie waren aus der sechsten Klasse. Einer, der Blonde, hieß Daniel, so weit sie wusste. „Was habt ihr da?“, fragte sie. „Gar nichts“, erwiderte der andere, der kurze braune Locken hatte. „Geht dich nichts an.“

Das ließ Monika sich nicht zweimal sagen. „Aber ihr habt doch was“, beharrte sie. „Aber nichts für dich“, wehrte der Junge ab. Sie ergriff seinen Arm und zog. Da sprang ein kleines, braunes Tier weg und verschwand in den Büschen. „Mensch, du blöde Kuh, mein Hamster“, rief der Junge, und der andere tippte sich an die Stirn. Beide rannten dem kleinen Nager hinterher. „Hilf wenigstens suchen!“  Monika hatte den Schulranzen schon abgestellt, da fiel ihr die Mathearbeit ein. Sie murmelte eine Entschuldigung und rannte ins Schulhaus.

Während der Arbeit vergaß sie die ganze Geschichte. Sie fiel ihr erst wieder ein, als sie in der zweiten Pause die Traube Sechstklässler sah, die sie böse anstarrten, „Voll die blöde Kuh“, hörte sie einen murmeln.

„Habt ihr den Hamster wieder?“, fragte sie die Jungs, die mittendrin standen. „Ja, der ist wieder daheim, aber wir kriegen einen Tadel, nur wegen dir“, zischten die beiden wütend. Pech gehabt. Monika zuckte die Achseln und biss in ihr Pausenbrot. In der fünften Stunde hatte sie Englisch. 

 

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