Die Senfgeschichte

Diese Geschichte sei allen gewidmet, die dringend eine Portionspackung Senf brauchen.

Es ist Viertel nach zwei, da klopfst du an meine Wohnungstür. Als ich öffne, stehst du verlegen im Treppenhaus und entschuldigst dich, trittst von einem Bein aufs andere, schaust die Treppen hoch und runter, spähst auf ein Autogeräusch hin angestrengt zum Treppenhausfenster hinaus. Schließlich rückst du mit der Sprache heraus. Der Senf ist leer, du kannst jetzt nicht weg, ob ich dir unter Nachbarn vielleicht eine Portionspackung Senf borgen könnte. Du seufzt und starrst mich beschwörend an.

Eine Portionspackung Senf? Warum? Du kannst das ganze Glas haben. Nun gut, dann halt eine Portionspackung, wenn dir so viel daran liegt. Meinetwegen. Wobei ich jetzt auch keine mehr habe. Tut mir leid, da habe ich mich wohl geirrt. Aber schau, ein Lieferwagen hält vor dem Haus. Warum wirst du so aufgeregt? Ach, du hast darauf gewartet. Na dann. Schon schleppen zwei Riesenbären von Möbelpackern einen meterlangen Glasbehälter die Treppe hoch. Ihr Gehilfe tappt hinterdrein mit einer prallen Plastiktüte in der Hand.

Du stürmst ins Treppenhaus und rufst, um ihnen den Weg zu weisen und sie zu ermuntern, wenn stürzende Pflanzen oder platzendes Kinderspielzeug ihren Elan zu hemmen drohen.

Endlich sind sie oben – stört dich doch nicht, dass ich mit reinkomme, oder? – stellen das neue Aquarium in das Lichtfenster des Wohnzimmers, wo du es unmittelbar mit dem Wasserschlauch verbindest und aufdrehst. Die Plastiktüte hast du dem unbeteiligt dreinschauenden Burschen im Karohemd längst aus der Hand genommen und redest liebevoll lockend auf den Inhalt ein.

Die Möbelpacker haben verstanden, dass sie auf ihr Geld warten müssen, und haben Bierdosen aus deinem Kühlschrank gegriffen. Nun hocken sie in ihren schweren, staubigen Schuhen auf deinem Ledersofa mit dem Flokati davor. Der Junge ist schon wieder weg.

Der höflich abgeschwächte Rülpser geht im Platschen des Wassers unter, du hast die Fische eingesetzt und beobachtest sie mit einer Miene, die durch die Verzerrungen des Wasserkörpers wie das verklärte Glotzen eines Idioten wirkt.

Dann fokussiert sich dein Blick, du kommst zu dir und hebst den Kopf, um über das Aquarium linsen zu können. Denn der junge Mann im Karohemd ist zurückgekehrt und bringt das, was die Pfälzer Fleischkäsweck nennen und die Bayern Leberkassemmel.

Du räusperst dich, trittst einige Schritte auf die Besucher zu, nimmst dir eine überschüssige Bierdose von deinem Wohnzimmertisch, ziehst sie auf und fragst, ihnen zuprostend, ob sie vielleicht noch eine Portionspackung Senf übrig haben.
Aber klar, immer doch, antworten sie gemütlich, und schon reicht der Dickere dir einen Beutel.

Da er sich die Hände nicht abgewischt hat, sind diese voll Fett, und als du gierig nach der Packung greifst, entflutscht sie dir und fliegt in hohem Bogen ins Aquarium.

Du willst sie fangen, willst sie greifen, doch ein gellender Schrei aus drei rauhen Kehlen lässt dich innehalten. Du greifst nicht ins Becken. Die Piranhas schnappen und lassen die Kiefergelenke spielen. Du reibst dir das Handgelenk und starrst auf die Portionspackung, die im Sand neben der rechtsdrehenden schillernden Muschel liegt und in der sanften Strömung der Wasserzufuhr hin- und herschaukelt.

Die nimmt dir keiner mehr weg.

© Alexandra Trinley 2015

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